Am 19.01.2026 war ich mit meiner Klasse in der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam. Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar, fast wie ein normales Wohn- oder Arbeitsgebäude. Man würde niemals erwarten, dass sich hinter diesen Mauern ein Gefängnis mit einer so grausamen Vergangenheit befand. Gerade dieser erste Eindruck hat mich nachdenklich gemacht, weil deutlich wird, wie viel Leid sich hinter etwas Alltäglichem verbergen kann.

Uns wurde erklärt, dass das Gefängnis von 1952 bis 1989 als Untersuchungsgefängnis der DDR genutzt wurde. Potsdam war damals eine Stasi-Hochburg, in der sich viele wichtige Einrichtungen der Staatssicherheit befanden. Viele Menschen wurden ohne einen wirklichen Grund kontrolliert oder festgenommen. Während der Führung wurde deutlich, dass das Gefängnis darauf ausgelegt war, Menschen psychisch zu brechen – durch Isolation, Kontrolle und Angst.
Besonders eindrücklich fand ich die psychische Belastung durch die ständige Ungewissheit. Die Gefangenen wussten nie, was als Nächstes passieren würde oder wem sie vertrauen konnten. Diese Unsicherheit hat mich sehr beschäftigt, weil ich mir vorgestellt habe, selbst in dieser Situation zu sein. Allein der Gedanke daran hat bei mir Angst und Beklemmung ausgelöst.

Ein weiterer Eindruck, der mir besonders schlimm im Kopf geblieben ist, war die sogenannte Fotozelle. Die Gefangenen wurden dort ohne Erklärung hineingebracht und mussten stundenlang warten. Viele dachten, sie würden hingerichtet werden. Diese Angst war von der Stasi bewusst geplant, um die Menschen bereits in den ersten Momenten im Gefängnis emotional zu brechen. Allein dieser Gedanke hat mich sehr erschüttert.
Obwohl die Führung viele Fakten vermittelt hat, wurde mir klar, dass mir noch etwas fehlt. Die Räume und Objekte zeigen zwar, was passiert ist, aber sie können keine Gefühle vermitteln. Mir wurde bewusst, dass Geschichte erst dann wirklich greifbar wird, wenn man die persönlichen Erfahrungen der Menschen kennt. Deshalb war das anschließende Gespräch mit der Zeitzeugin besonders wichtig für mich.
Die Zeitzeugin Eike Radewahn
Besonders bewegend war die Aussage der Zeitzeugin Eike Radewahn. Während sie erzählte, habe ich mich stark in ihre Lage hineinversetzt. Vieles von dem, was sie berichtete, klang wie eine ausgedachte Geschichte und nicht wie Realität. Gerade das hat mir gezeigt, wie unvorstellbar das Erlebte eigentlich ist. Die Art, wie sie ihre Geschichte mit Emotionen erzählte, wird mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Sie erzählte uns, dass sie trotz guter Noten kein Abitur machen durfte, weil sie ihre kritische Haltung gegenüber der DDR offen zeigte und aufgrund der Tatsache, dass sie aus einer christlichen Familie kam und die DDR das Christentum in ihrer Politik ablehnte. Dadurch konnte sie ihren Traumberuf nicht ausüben.
Später berichtete sie von ihrer geplanten Flucht, der Verhaftung und den Demütigungen nach ihrer Festnahme. Beim Zuhören habe ich starke Trauer, Angst und Ungewissheit gespürt. Als sie von ihrer Zeit im Gefängnis in der Lindenstraße erzählte, wurde mir das Ausmaß der psychischen Gewalt erst richtig bewusst. Die sexualisierten Übergriffe, die Strafen und die Isolation haben mir gezeigt, wie unmenschlich mit den Gefangenen umgegangen wurde. Trotzdem versuchte sie immer wieder, Kontakt zu anderen Gefangenen aufzunehmen, um nicht völlig allein zu sein, indem sie Dinge wie das Klopfalphabet oder das Entfernen des Wassers aus dem Klo, um durch die Rohre mit anderen reden, nutzte. Dies hat mich sehr beeindruckt.
Besonders im Kopf geblieben ist mir ihr Satz, dass sie viele psychische Probleme hatte und viel professionelle Hilfe brauchte, es sie im Endeffekt aber stärker gemacht hat. Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht und mir gezeigt, wie lange die Folgen solcher Erlebnisse anhalten können.
Durch ihren Bericht als Zeitzeugin hat sich mein Blick auf die DDR deutlich verändert. Sie wirkt für mich jetzt viel schlimmer und realer als zuvor. Der Besuch der Gedenkstätte hat mir gezeigt, warum Orte wie die Lindenstraße für junge Menschen wichtig sind. Dort lernt man Geschichte anders als im Unterricht. Man versteht, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, und dass Erinnerung wichtig ist, damit so etwas nicht in Vergessenheit gerät.
Warum der Besuch wichtig für Jugendliche ist?
Durch den Besuch der Gedenkstätte Lindenstraße habe ich gemerkt, dass Lernen an einem historischen Ort ganz anders als der Unterricht in der Schule ist. Im Schulbuch liest man Zahlen, Daten und Fakten, aber hier steht man an dem Ort, an dem die Geschichte wirklich passiert ist. Man kann die Räume sehen, in denen Menschen gelitten haben, und beginnt automatisch darüber nachzudenken, wie es gewesen sein muss, dort selbst eingesperrt zu sein. Mich hat der Gedenkstättenbesuch zum einen sehr nachdenklich, aber auch dankbar gestimmt. Ich habe gelernt, meine Freiheit bewusster wahrzunehmen und nicht als gegeben hinzunehmen. Dieser Ort hat mir gezeigt, warum Erinnerung wichtig ist, nicht nur, um die Vergangenheit zu verstehen, sondern um unsere Zukunft zu schützen.
Der Besuch der Gedenkstätte Lindenstraße zeigt auch, wie wichtig unsere heutige Demokratie ist. In der DDR durften Menschen ihre Meinung nicht frei äußern und hatten kaum Mitspracherecht. Heute können wir wählen, unsere Meinung sagen und Kritik äußern, ohne dafür bestraft zu werden. Die Gedenkstätte macht deutlich, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind und geschützt werden müssen. Sie erinnert uns daran, aus der Vergangenheit zu lernen, damit sich solche Zustände nicht
wiederholen.
Besucht Orte, die Geschichte in sich tragen: Sie machen das Vergangene greifbar, das Gegenwärtige verständlich und die Zukunft formbar.